Wir sind Heimat 2.0 | Gesundheitszentrum mit Café und Brauerei

© Torsten Zimmermann

Kaiserslautern Land

Vincent Verschoor hat im Karlstal bei Trippstadt ein Beispiel für gelungenen Denkmalschutz geschaffen. Aus einem alten Eisenhammerwerk machte der Physiotherapeut ein modernes Gesundheitszentrum und vermietet ein Café, in dem er selbst gebrautes Bier ausschenkt.

Vincent Verschoor lebt bereits seit über einem Vierteljahrhundert in Deutschland. In dieser Zeit hat der Niederländer unter anderem in Stuttgart und München gewohnt. Sesshaft geworden ist der Physiotherapeut aber in Trippstadt. Er hat den Unterhammer im Karlstal zu seiner Heimat gemacht. Vor 23 Jahren kaufte er das Anwesen mit Wirtschaftshaus und Kohlescheune mitten im Pfälzerwald. Zunächst, um sich den Traum einer eigenen Physiotherapie-Praxis zu verwirklichen. „Wir haben zwei Jahre lang saniert und 2000 habe ich die Praxis aufgemacht“, berichtet der 53-jährige. 2004 kaufte er dann auch das Herrenhaus mit Stallungen auf der gegenüberliegenden Straßenseite.Heute gibt es auf dem Gelände des Industriedenkmals neben einem Gesundheitszentrum ein Café, Vincent Verschoor braut sein eigenes Bier und vermietet Wohnungen, die er im Herrenhaus untergebracht hat.
„Ich bin ein impulsiver Mensch und niemand, der weit in die Zukunft denkt“, erzählt er. Geplant sei das Ganze daher nie gewesen. Dass er in Trippstadt bleiben wolle, sei ihm aber früh klar gewesen: „Ich liebe alte Gebäude“, sagt er. „Dazu kommt die tolle ruhige Atmosphäre mit dem Wald.“ Das Café sei der Traum seiner damaligen Lebensgefährtin gewesen. “Mit dem Bierbrauen habe ich 2016 begonnen.“ Das Café vermietet er aktuell.Dass es sich bei dem Industriedenkmal um ein ehemaliges Eisenhammerwerk handelt, ist unter anderem am Herrenhaus zu erkennen – die Fenstergitter stammen aus der originalen Eisenproduktion. 2015 wurden die Stallungen hinter dem Herrenhaus erweitert und zusätzlicher Wohnraum geschaffen.
Weil es auf dem Gelände viele denkmalgeschützte Gebäude gibt, steht Verschoor in engem Austausch mit dem Denkmalschutz und berichtet von einer sehr guten Zusammenarbeit. „Durch die vielen Gesetze ist es manchmal nicht so einfach aber die versuchen alles, um mir zu helfen.“ Ihm seien noch nie Steine in den Weg gelegt worden. Zudem erhielt er Unterstützung von verschiedenen Förderprojekten; dem LEADER-Programm der EU sowie dem Dorferneuerungsprogramm des Landes Rheinland-Pfalz, das nachhaltige und zukunftsbeständige Entwicklung in Dörfern fördert.
Auch wenn der Unterhammer mitten im Wald liegt und der Ortskern von Trippstadt knapp vier Kilometer weit weg ist, fehle es ihm an nichts, sagt der Naturfreund: „Die Nachbarschafts-Community hier ist super. Man ist nie allein und hilft sich gegenseitig.“

Nachgefragt: Industriedenkmal

Viele denken bei Denkmalschutz an Kirchen, Schlösser und Burgen. Doch auch ehemalige Industriestätten können unter Denkmalschutz stehen. Warum das so ist und was Industriedenkmäler ausmacht, erklärt Dr. Clev im Interview. Er ist Leitender Planer der Planungsgemeinschaft Westpfalz sowie Geschäftsführer der ZukunftsRegion Westpfalz, die als Verein für ein besseres Image der innerhalb und außerhalb der Region sorgt.

Wieso stehen ehemalige Industriestätten unter Denkmalschutz?

Dr. Hans-Günther Clev: Es gibt Industriestätten, die für eine Region, einen Wirtschaftszweig oder eine Epoche symbolischen Charakter haben. Das betrifft die Bauten ebenso wie die Industrieanlagen in oder neben den Hallen. Sie helfen, Zusammenhänge zu verstehen und sie sind ein Glied in einer Kette der industriellen Entwicklung – zwischen Manufaktur und digitaler Wirtschaft. Die Grenzen des Machbaren wurden dank neuer Techniken und Materialien immer weiter verschoben. Industriebauten dokumentieren somit eine Entwicklungsstufe in der Bautechnik. Sie sind aber auch ein Spiegelbild ihrer Epoche. Vieles, was wir heute aus fernen Ländern beziehen, wurde früher vor Ort hergestellt. Ihre Erhaltung in bestimmten Fällen also sinnvoll, zumal viele im Zweiten Weltkrieg zerstört wurden.

Worauf muss bei Industriedenkmälern baulich geachtet werden?

Dr. Clev: Industriedenkmäler sind selten singuläre Objekte. Es sind meist Ensembles, daher ist bei ihrem Schutz darauf zu achten, dass das Umfeld erhalten bleibt oder zumindest dokumentiert wird. Dies betrifft nicht nur Nebengebäude der Kernproduktionsstätten, sondern auch das „menschliche“ Drumherum: Herrenhäuser, Kapellen, Arbeiterwohnungen, Stallungen, aber auch Schlösser oder Parks, welche die Eigentümer für sich und ihre Arbeiter errichten ließen. Das war Ausdruck der Verantwortung der Industriellen für ihre Arbeitnehmer.

Wer ist die Familie Gienanth und was hat sie der Region hinterlassen?

Dr. Clev: Die Gienanths waren eine aus der Schweiz zugewanderte Familie, die mit ihrer Stahl- und Eisenproduktion half, eine im Dreißigjährigen Krieg geschundene Region wiederaufzubauen und auf den Weg der Industrialisierung zu bringen. Vieles, was wir bis heute kennen, geht auf das Wirken der Gienanths zurück. Die heutige Wirtschaftsstruktur ist in weiten Teilen ein Erbe des Wirkens der Industriefamilie.

Gesundheitszentrum mit Café und Brauerei

Text: David Kulessa

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