Iglu in der Eifel?

Stellen Sie sich vor, Sie wandern zwischen Moseltal und Eifel: Beim Aufstieg entdecken entdecken Sie in den letzten Weinbergen einen Iglu! Sie werden schmunzeln über diesen Gag und irgendeine Werbekampagne dahinter wittern. Doch so lächerlich diese Übertreibung ist, so traurig ist die Wirklichkeit. Spaziert man durch unsere Neubaugebiete, so entdeckt man die unterschiedlichsten Exoten. Da steht die toskanische Villa neben dem Schwarzwaldhaus, griechische Säulen zieren ein kleines Einfamilienhaus, das Niedersachsenhaus konkurriert mit dem aus dem bayerischen Vorgebirge. Alle diese Gebäudetypen haben ihre Berechtigung, sie sind Ausdruck unserer Gesellschaft und der unterschiedlichen Regionen. Aber sollen diese Stile einen Wettstreit ausführen? Gehört nicht jedes dieser Häuser in seinen ihm eigenen Kontext?
Merkmale des regionalen Bauens
Unsere Häuser sind aus verschiedenen Ansprüchen entstanden. Schutz vor der Witterung war und ist wohl der Wichtigste, Raum zum Arbeiten, Lernen, Spielen, für gesellschaftliche Ereignisse, zum Tanzen, Essen oder Beten kommen dazu, um nur einige Beispiele zu nennen. Schutz vor Witterung wird durch den Baukörper mit seinem Dach erreicht, Schutz vor Feinden oftmals durch die Anordnung der Häuser im Dorf, beispielsweise eine geschlossene Hofbebauung und einer zur Straße hin geschlossenen Fassade.
Ursprünglich wurden die Gebäude aus dem Material der Umgebung gebaut, dies war in ausreichender Menge vorhanden und damit kostengünstig. Holz, Kalkstein, Sandstein, Klinker, Schiefer oder Reet prägten ihren Charakter. Gemäß Witterung und Klima ergaben sich sinnvolle Haus- und Dachformen wie das tief heruntergezogene Dach beim Schwarzwaldhaus oder das Flachdach als zusätzlicher geschützter Außenraum in südlichen Ländern. Dazu kommen regionaltypische Fensterformen mit unterschiedlichen Größen, Proportionen und Fensterläden. Lange schmale Fenster kennen wir aus Italien und Frankreich, dort oft mit einem „gefalteten“ Laden (Persienne) und einer reich verzierten Brüstung als Absturzsicherung.
Fachleute können an all diesen Merkmalen viele Informationen ablesen, aber auch Menschen, die keinen spezifischen Zugang zur Architektur haben, erkennen grundlegende Bauformen, identifizieren sich mit Landschaften und Regionen, sehen in ihnen ein Stück regionaler Authentizität, schätzen sie als Heimat oder Reiseziel.
Regionaltypisch und modern?
Doch sollten wir Häuser und Dörfer deshalb weiterhin so bauen wie früher, Kopien erstellen?
Nein, natürlich nicht. Unsere Anforderungen an Gebäude haben sich grundlegend gewandelt: An erster Stelle steht viel Licht, aber auch die Vorstellungen von Wohnkomfort, Lebens- und Arbeitsgewohnheiten haben sich geändert. Weiterhin müssen Vorgaben zur Energieeffizienz erfüllt und auch der demografische Wandel berücksichtigt werden. Wir können aber vor allem im ländlichen Raum, sei es beim Neubau in einer Baulücke oder bei der Sanierung der Leerstände im Dorf, moderne Architektur mit regionaler Baukultur verbinden. Werden im Neubau die oben aufgeführten Punkte, die regionales Bauen ausmachen, in eine moderne Sprache übersetzt, so entsteht etwas Neues, das sich harmonisch in die alte Umgebung einpasst und trotzdem den Ansprüchen der heutigen Zeit gerecht wird.
Gute Beispiele für zeitgemäßes und regionales Bauen gibt es bereits. Mehrere Initiativen der Architektenkammer zeigen dies und helfen das allgemeine Bewusstsein dafür zu schärfen. Die Initiative Baukultur Eifel, die von Architekten vor Ort gemeinsam mit dem Eifelkreis Bitburg-Prüm initiiert wurde und im Rahmen des Leader-Programms von der Europäischen Union gefördert wird, informiert über zeitgenössisches und regionaltypisches Bauen und gibt Bürgern und politisch Verantwortlichen Anstöße. Die Initiative wurde als eins von drei Vorzeigeprojekten für die deutschlandweite Initiative „Regionale Baukultur – Identität und Qualität“ der Bundesarchitektenkammer und dem Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung ausgewählt. Am 5. November lädt die Kammer zur Fachtagung nach Bitburg ein, ein Blog dazu ist eingerichtet. Architekten und Bürger, Schüler und Politiker sind aufgerufen, ihre Stimme einzubringen: Wir sind auch auf ihre Intervention neugierig, zum Beispiel hier im Baukultur-Blog!
Dem Vorbild in der Eifel folgt die Initiative Baukultur im Landkreis Trier. Auch hier kooperiert die Kammergruppe vor Ort mit regionalen Initiativen und Institutionen, um eine möglichst große Öffentlichkeit zu erreichen. In der Pfalz haben die dortigen Architekten gerade die temporäre Planbar 11 in einer leerstehenden Villa organisiert. Ziel war auch hier die Sensibilisierung für das regionale Bauen und die Entwicklung von Leitideen und Leitbildern zur nachhaltigen Entwicklung des ländlichen Raums. Und auf die Qualitäten und Belange des Weltkulturerbes mit all seinen infrastrukturellen und städtebaulichen Zusammenhängen macht die Initiative Baukultur Oberes Mittelrheintal, zu der sich die Architektenkammer mit dem Finanz- und Bauministerium, der Struktur- und Genehmigungsdirektion Nord, der Generaldirektion kulturelles Erbe und dem Zweckverband Welterbe Oberes Mittelrheintal zusammengeschlossen hat, aufmerksam.
Regionale Baukultur ins Heute übersetzt schafft Identität, in einer globalisierten Welt ist das nicht wenig.

Gerlinde Wolf,
Vorstandsmitglied der Architektenkammer Rheinland-Pfalz

3 Kommentare

  1. kvetters 29. Oktober 2013 17:25 Antworten

    Liebe verehrte Frau Wolf,
    in sehr vielem stimme ich Ihnen zu. Aber wie sähen unsere Städte aus, hätten sich alle immer an die “reine Lehre” gehalten? Sehr viele exotische “Hingucker” möchten wir doch heute nicht missen. Die Tabakfabrik in Dresden, das Holländische Viertel in Potsdam (zugegeben, in Rheinland-Pfalz fallen mir gerade keine derartigen Extreme ein).
    Wie rein von fremden Einflüssen muss regionale Baukultur denn sein?
    Ich finde es hilfreich, diese Frage anhand konkreter Beispiele zu diskutieren. Ja, es gibt viele haarsträubende Beispiele, aber eben auch bewusst getroffene, klare Entscheidungen.
    Ich hatte Anfang des Jahres mit einer Bauherrin im Westerwald zu tun, die vor der Aufgabe stand, ihr baulich und energetisch unzureichendes 50er-Jahre-Haus zu sanieren. Sie sagte: “Ich mag Bullerbü so gern. Ich wünsche mir ein Schwedenhaus.” – Gesagt, getan. Heute steht im Westerwaldort Daaden das Haus, mit dunkelrotem Holz – ja: verkleidet, mit den typischen weiß abgesetzten Fenster-Einfassungen. Das Haus ist solide und leicht zu heizen, die Kinder der Familie sind blond und haben schwedische Namen. Fazit: Alles passt. – Warum nicht?
    Hat es nicht schon immer Architektur-Import gegeben? Bezieht sich etwa der Klassizismus, der als Baustil viele unserer Städte prägt, auf einheimische Vorbilder? Die Glyptothek in München, die Neue Wache in Berlin, um mal zwei extreme Beispiele zu nennen, sind fast so weit entfernt von regionaler Baukultur wie der Iglu in der Eifel.
    Darf ich an meinem Haus im Welterbe Oberes Mittelrheintal statt der dort üblichen Lamellen-Fensterläden glatte Läden anbringen, wie sie etwa im Elsass üblich sind?
    Um nicht nur Fragen zu stellen, sondern auch den Versuch einer Antwort zu wagen: Es wäre schon einiges gewonnen, wenn man die Bauherrinnen und -herren überhaupt für Baukultur sensibilisieren könnte. Wie regionaltypisch die sein soll, würde sich dann vielleicht leichter diskutieren lassen. Viel wäre schon gewonnen, wenn sich nicht so viele von Hornbach, Obi und Co., sondern von handwerklich, kulturell und stilgeschichtlich solideren Vorbildern inspirieren ließen.
    Ich weiß, die Architektenkammer tut einiges dafür. Gut wäre, wenn das Thema auch in den Schulen, in den Lehrplänen einen festen Platz hätte.

    http://hausweise.de/

    • baukulturskeptiker 1. November 2013 22:39 Antworten

      Das hier genannte Haus ist eines von vielen Beispielen, wo der sehr positive Ansatz von Energiesparmaßnahmen pervertiert wird. Alles passt?? Hauptsache die Energiebilanz stimmt und der Energieberaterin gefällt es! Nein, Bauen hat auch bei allem Respekt vor Baufreiheit und individuellen Vorlieben auch etwas mit sozialer Verantwortung zu tun.
      Blonde Kinder mit schwedischen Namen und die Neigung zu Pippi Langstrumpf und Bullerbü rechtfertigen keine derartigen verunstaltenden Auswüchse. Von einem bekannten Architekten stammt die Aussage, dass hinter jeder Fassade das Gesicht dessen erkennbar wird, der die Fassade entworfen hat. Für das „Vorher-Nachher-Wunderhaus“ ist nachzulesen „Design by Hausbesitzer“. Offenbar hat es hier nicht nur an sozialer Verantwortung sondern insbesondere auch an qualifizierter fachlicher Beratung gefehlt. Wenn schon Architekturimport, dann aber bitte qualitätsvoll und eine Region sinnlich bereichernd und nicht nur eine schlechte Kopie.

      • Katrin Vetters 4. November 2013 11:24 Antworten

        Hier unterstellen Sie, es habe “an qualifizierter fachlicher Beratung gefehlt”, in einem anderen Kommentar schreiben Sie: “Ich bin allerdings skeptisch, wenn Architekten nun als vermeintliche Problemlöser auftreten.
        Sind nicht Planer und Architekten maßgebliche Mitverursacher der Misere und Teil des eigentlichen Problems?” – Wer ist denn in Ihren Augen maßgeblich – außer Sie selbst?
        Überdies sprechen Sie dem Bauherrenpaar die soziale Verantwortung ab. Ziemlich starker Tobak. Und das alles unter Pseudonym.

        http://hausweise.de/

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