Ausstellung | Podcast | Germany Street Fronts

Augustinerstraße, Mainz © panoramastreetline.de

So haben wir unsere Städte noch nicht gesehen

Zu den Street Fronts von Panorama Streetlines hier entlang

Podcast zur Ausstellung

Es spricht Annette Müller, Geschäftsführerin der Architektenkammer Rheinland-Pfalz, mit dem Kurator Jörg Dietrich über seine technische und fotografische Vorgehensweise und die Idee zur Ausstellung.

Ausstellung Germany Streets Fronts

Die Ausstellung Germany Street Fronts richtet einen neuartigen Blick auf Deutschlands Städte. In multi-perspektivischen Streetlines präsentieren wir in kompletten Straßenzügen die Vielfalt und Komplexität des Stadtbilds Deutschlands. Unsere Beispiele zeigen in Themenabschnitten zusammengefasst alle Regionen unseres Landes von Rostock im Norden bis Freiburg im Süden, von Monschau im Westen bis Görlitz im Osten.

In ca. 90 Bildperspektiven aus mehr als 40 deutschen Städten gehen wir der Frage nach, was eine moderne deutsche Stadt ausmacht. Welche Rolle spielt dabei das Baukulturerbe für das Stadtbild? Wie wirkt es sich auf Identität, Attraktivität und Lebensgefühl aus. Welche Spuren hinterlassen Veränderungen im Laufe der Zeit und in einer sich wandelnden Gesellschaft im Stadtbild? Wie fügen sich Architekturstile verschiedener Epochen im deutschen Stadtbild zusammen?

Neben Informationen zum Thema Nachhaltigkeit und einem statistischen Überblick zur Baukultur Deutschlands wird der Besucher anhand von Themen durch die Ausstellung geführt. Welche Rolle spielen Marktplätze für deutsche Städte, warum bilden Flusslandschaften oft ihren Mittelpunkt, wie prägt Industriearchitektur unsere Städte? Weitere Panoramen zeigen den Wohlstand im Fassadenbild der großen Einkaufsstraßen, die heute noch jene sind, welche einst die mittelalterlichen Handelswege ausmachten. Die Zöllnerstraße in Celle steht als Beispiel für die geschlossenen Fachwerk-Ensemble wie man sie oft in niedersächsischen oder hessischen Städten findet, die Nikolaistraße in Leipzig repräsentiert die gründerzeitliche Pracht der einstigen Pelzhändler am Brühl, jedoch gebrochen durch einen optisch eingepassten Plattenbau aus DDR-Zeiten. Als Beispiel der Moderne zeigt sich das Bauhaus Dessau in unbekannter Frontalansicht neben Bauten aus Berlin oder Leipzig. Der Bogen wird darüber hinaus über Plattenbauten aus Ost- und Westdeutschland bis hin zu zeitgenössischen Beispielen wie der Hafen-City in Hamburg gespannt.

Die Stadtbildperspektiven der Ausstellung geben dank der technischen Bearbeitung einen ungewohnten Blick auf unterschiedlichste Straßenzüge. Statt den typischen Blick von einem Standpunkt aus abzubilden, wurden für die Panoramen Aufnahmeserien von mehreren Positionen entlang der jeweiligen Straße aufgenommen. Zu einem nahtlosen Panoramablick, der sogenannten Streetline, verarbeitet, kann der Betrachter die Straßenfassade visuell entlangspazieren.

PanoramaStreetline zelebriert die Einzigartigkeit der Architektur unserer Städte in Straßenzügen. Es entstehen Bildmontagen, die man so noch nicht zuvor sehen konnte. Der Fokus liegt dabei auf der Einzigartigkeit und Tradition von architektonischen Entwicklungen verschiedener Orte.

Germany Street Fronts war ein Beitrag zu „wunderbar together“ dem Deutschlandjahr USA, den Fotograf Jörg Dietrich im Auftrag der Goethe Institute realisierte. Das Ausstellungsprojekt wanderte 2019 durch verschiedene Goethe Institute der USA, war unter anderem in Kansas-City, Houston, Seattle sowie in Dresden im Zentrum für Baukultur zu sehen.

Das Zentrum Baukultur lädt herzlich ein zur Ausstellung | Germany Street Fronts | So haben wir unsere Städte noch nicht gesehen | 24. Februar bis 1. April 2021.

Hinweis: Aufgrund der aktuellen Verordnungen des Landes Rheinland-Pfalz behalten wir uns vor die Ausstellung in den digitalen Raum zu verlegen. Weitere Informationen unter

www.zentrumbaukultur.de.

Termin

Mittwoch, 24. Februar 2021 – Donnerstag, 01. April 2021

Zentrum Baukultur im Brückenturm | Rheinstraße 55 | 55116 Mainz

Veranstalter:

Zentrum Baukultur Rheinland-Pfalz

Wir sind Heimat 2.0 | Zwischen Barock und Moderne

Orangerie mit Neubau Stadthalle © Kreisverwaltung Donnersbergkreis

Donnersbergkreis

Nur wenige Jahre diente die Orangerie aus dem frühen 18. Jahrhundert dem Überwintern frostempfindlicher Pflanzen. Mehrfach umgebaut, wurde sie lange Zeit für Wohnzwecke genutzt. 2008 erwarb die Stadt das leerste-hende, in die Jahre gekommene Gebäude und ließ es aufwendig sanieren. Gemeinsam mit der 2013 eröffneten Stadthalle bildet die Orangerie heute das kommunikative und kulturelle Zentrum Kirchheimbolandens.

 „Was lange währt, wird endlich gut. Aus der Idee einer Stadthalle vor über 25 Jahren ist ein echtes Schmuckstück für Stadt und Land geworden“, freut sich der ehemalige Stadtbürgermeister von Kirchheimbolanden, Klaus Hartmüller. „Zugleich konnten wir mit der Restaurierung der Orangerie ein Stück Stadtgeschichte bewahren.“

Von der Barockzeit in die Gegenwart
Unter den Fürsten Carl August von Nassau-Weilburg (1685-1753) und seinem Sohn Carl Christian (1735-1788) wurde Kirchheimbolanden zur Residenzstadt erhoben und erlebte eine Blütephase. Nicht nur der Bau des Schlosses fällt in diese Zeit, sondern auch die Errichtung der Orangerie mit angrenzendem Küchengarten. „Mit der Instandsetzung der Orangerie ist uns eine denkmalgerechte Umnutzung sowie eine Aufwertung des Rathausumfeldes gelungen. Der Erhalt historischer Bausubstanz war uns dabei besonders wichtig“, erläutert Hartmüller. Bei der Dachsanierung wurde Originalgebälk aufgearbeitet, altes Gebälk verstärkt, neues eingezogen. Auch die für die Barockzeit typische Schwanenhalskonstruktion – eine im oberen Bereich nach vorne gewölbte Wand, die als Sonnenfang diente – sowie die großen, schräggestellten Fensterfronten auf der Südseite, die einst zugemauert worden waren, wurden wiederhergestellt. Der vorgelagerte Brunnen wurde reaktiviert und Heilkräuter und blühende Stauden gepflanzt, die an den früheren Küchengarten erinnern.

Schritt in die Zukunft
„Die vom Mannheimer Architekturbüro SCHMUCKER und PARTNER geplante Stadthalle geht eine tolle Symbiose mit der Orangerie ein – nicht nur baulich, sondern auch dank das gesamtheitlichen Nutzungskonzeptes“, so Hartmüller. Höhenentwicklung, Dachausbildung und Kubatur des Neubaus orientieren sich an der historischen Vorgabe. Entstanden ist eine moderne Multifunktionshalle für Veranstaltungen mit bis zu 800 Personen, die durch einen überdachten Gang an den Altbau angeschlossen ist, in dem sich Gastronomie und weitere kleine Veranstaltungsräume befinden. Ausgestattet ist die Festhalle mit modernster Licht- und Bühnentechnik, aber auch innovativer Energietechnik: Sie ist angeschlossen an die Nahwärmeversorgung im Keller der Kreisverwaltung, eine Photovol-taikanlage auf dem Dach sorgt für Strom und in einer Zisterne wird Regenwasser gesammelt.

Ein Leuchtturmprojekt
„Mit dem Ensemble Stadthalle-Orangerie hat die Stadt den zentralen Treffpunkt erhalten, den sie so dringend benötigte“, so Hartmüller. Das hat auch das Land Rheinland-Pfalz erkannt und steuerte 3,7 Millionen Euro Fördermittel aus dem Investitionsstock zum rund 6,5 Millionen Euro teuren Bauprojekt hinzu. Weitere 1 Million Euro stammen aus dem Bund-Länderprogramm „Historische Stadtbereiche“ für das Fördergebiet „Barockstadt“.

Zwischen Barock und Moderne

Text: Lena Pröhl

Wir sind Heimat 2.0 | Nachgefragt: Lehm als Baustoff

Herbert Hofer © Heike Rost

Beton ist noch immer der mit Abstand am häufigsten verwendete Baustoff in Deutschland. Doch es tut sich etwas. Immer öfter wird auf umweltfreundlichere Baustoffe zurückgegriffen. Ein tolles Beispiel für das Bauen im Einklang mit dem Umweltschutz ist Lehm. Herbert Hofer vom Architekturbüro Enso aus Trier ist Lehm-Experte und erklärt im Interview, was das Material so attraktiv macht.

Wie wird Lehm als Baustoff verwendet?
H. Hofer: Lehm kann als tragender und nicht tragender Baustoff verwendet werden.
In unserer Region wird Lehm meistens als nicht tragender Baustoff genutzt. Hierbei wird ein Geflecht aus verschiedenen Hölzern mit Lehm beworfen und das Holz geht mit dem Lehm eine Symbiose ein – ein Material schützt also das andere. Der Lehm zieht die Feuchtigkeit an und hält das Holz trocken.

Woher kommt es, dass Lehm aktuell wieder so häufig verwendet wird?
H. Hofer: Lehm ist sehr gut für die Wohngesundheit. Er gleicht Feuchtigkeit aus und neutralisiert Gerüche, wodurch er im Wohnumfeld positiv auf die Bewohner wirkt. Hinzu kommt der beginnende Wandel im Denken und Handeln der Menschen. Der Trend geht zu nachhaltigen Baustoffen, die ohne großen Energieaufwand in den natürlichen Kreislauf zurückfallen oder wiederverwendet werden können.
Außerdem ist Lehm in den meisten Ländern auf der Welt verfügbar, während wir in Zukunft mehr und mehr Probleme bekommen werden, an die Materialien für moderne Baustoffe wie zum Beispiel Beton zu kommen. Und es ist ein dankbares Material für Selbstbauerinnen und Selbstbauer.

Gut, dass Sie die privaten Bauleute ansprechen. Lohnt sich für sie das Bauen mit Lehm auch finanziell?
H. Hofer: Es ist tatsächlich teurer als andere Materialien. Dennoch lohnt es sich, allein wegen der Wohngesundheit und der Nachhaltigkeit mit Lehm zu bauen. Außerdem darf man nicht vergessen, dass es häufig nicht bei den Kosten für die Beschaffung bleibt. Rechnet man den Abbruch und die Entsorgung obendrauf, ist der Lehm tatsächlich günstiger. Die Wirtschaftlichkeit ist aber ohnehin nur ein Aspekt von vielen. Viel wichtiger ist, dass wir unsere Erde einigermaßen in Takt halten und wir daran mehr und mehr arbeiten.

Nachgefragt: Lehm als Baustoff (PDF)

Interview David Kulessa

Wir sind Heimat 2.0 | Das älteste Wohnhaus im Ort

Alexander Mock © Torsten Zimmermann

Kaiserslautern Land

“Wenn ich’s mache, dann richtig”, nahm sich Alexander Mock im Juli 2018 vor, als er in den Besitz des Fachwerkhauses in der Münchhofstraße kam. Jetzt ist die Umnutzung und vorbildliche Sanierung des langjährigen Wohnhauses abgeschlossen.

Seit etwa zweieinhalb Jahren gehört das Fachwerkhaus in der Münchhofstraße in Hochspeyer Alexander Mock. Bekannt mit dem Haus ist der 50-jährige aber schon länger – 1995 war er mit seinem Studium zum Bauingenieur fertig und suchte für seine Diplomarbeit ein Thema. Seine Eltern hatten das denkmalgeschützte Haus ein Jahr zuvor gekauft und brauchten jemanden für die Bauaufnahme und Schadensdokumentation. Kurzerhand entschied er sich, das Haus zum Thema seiner Diplomarbeit zu machen. „Und 25 Jahre später setze ich sie fort.“
Während der Sanierungsarbeiten hat sich der Bauherr auch mit der Geschichte des 1736 erbauten Hauses beschäftigt. „Es ist das nachweislich älteste im Ort“, sagt er.
Im Zuge der Sanierung hat der Bauingenieur einiges verändert. „Ein Großteil der Fachwerkfassaden musste erneuert werden“, erzählt Alexander Mock. Dabei wurden die Gefache mit Lehmsteinen ausgemauert und die Innenflächen mit zwei Zentimeter Lehm überputzt. Auf die Installation der Wandheizung kamen noch einmal vier Zentimeter Lehm. Die Verwendung von Lehm als Baustoff ist eine sehr alte und vor allem ökologische Art, das Holz trocken zu halten.
“Ich hatte zuletzt immer mal wieder Freunde zu Besuch und die sagen ganz oft, in dem Haus sei ein sehr angenehmes Wohnklima”, berichtet Alexander Mock. Lehmputz ist dampfdurchlässig und wirkt somit regulierend auf Wärme- und Feuchtehaushalt. Langfristig soll das frisch sanierte Haus als Ferienhof sowie Event- und Kulturhaus dienen, aktuell nutzt Alexander Mock es vor allem als Homeoffice.
Viele schrecken vor dem Kauf und der Sanierung von denkmalgeschützten Gebäuden zurück, weil sie sich nicht mit den Vorschriften der Behörden auseinandersetzen wollen und Einmischung befürchten. Alexander Mock hat solche Erfahrungen nicht gemacht: „Ich habe ziemlich viel freie Hand gehabt.“ Es habe immer mal wieder Besuche, Telefonate und den Austausch von Fotos gegeben, aber ihm seien nie Steine in den Weg gelegt worden.
Alexander Mock arbeitet inzwischen nicht mehr ausschließlich als Bauingenieur. Als ÖPNV-Referent bei der Stadt Ludwigshafen hat er überwiegend mit kaufmännischen und juristischen Themen zu tun. „Dank diesem Projekt hier habe ich mich mal wieder wie ein Bauingenieur gefühlt, das war wirklich schön.“

Das älteste Wohnhaus im Ort (PDF)

Text: David Kulessa

Wir sind Heimat 2.0 | Nachgefragt: Förderung

Porträt Annette Diederich © Privat

Viele private Bauvorhaben scheitern schlicht am Geld. Um das zu verhindern, gibt es unter anderem das Dorferneurungsprogramm des Landes Rheinland-Pfalz, das eine nachhaltige und zukunftsbeständige Entwicklung des Dorfes unterstützt und das Dorf als eigenständigen Wohn-, Arbeits-, Sozial- und Kulturraum erhalten will. Annette Diederich von der Kreisverwaltung Kaiserslautern erklärt, wie Privatpersonen Unterstützung für ihre Projekte erhalten können.

Welche Förderprogramme für private Bauvorhaben gibt es?
A. Diederich: Es gibt eine Vielzahl an Förderprogrammen mit jeweils unterschiedlichen Förderschwerpunkten. In der Zuständigkeit der Kreisverwaltungen als Bewilligungsbehörde liegt die Dorferneuerung. Diese fördert nach der Verwaltungsvorschrift “VV-Dorf” des Innenministeriums kommunale und private Bauvorhaben im ländlichen Raum. Privatleute in kleinen Gemeinden können unter Beachtung gestalterischer und inhaltlicher Vorgaben bis zu 35% der förderfähigen Kosten und insgesamt bis zu 30.000€ Dorferneuerungsmittel bewilligt bekommen. Der Rahmen der Bewilligung richtet sich nach jährlich unterschiedlichen Förderkontingenten und der Qualität des Bauvorhabens.

Müssen Projekte bestimmte Anforderungen erfüllen, um gefördert zu werden?
A. Diederich: Bei Umbau oder Sanierung von privaten Bauvorhaben müssen zuerst grundsätzlich die Fördervoraussetzungen nach “VV-Dorf” eingehalten werden. Im Normalfall bedeutet das: Ein ortsbildprägendes Gebäude soll nach bestandsorientierten Gestaltungskonzepten umgebaut oder saniert werden und zwar am besten im Ortskern. Die Vorgaben zur Baugestaltung orientieren sich an der historischen, handwerklich geprägten Bautradition der Region. Die regionaltypischen Vorgaben zu Dach, Fassade, Außenanlagen und Einfriedungen können mit der Dorferneuerungsstelle abgestimmt werden. Kurz gesagt fördert die Dorferneuerung durch ihre Auflagen eine gewisse Bauqualität, die zur Attraktivierung der Dörfer und Baukultur beitragen soll.

An wen können sich die Menschen wenden, um Unterstützung zu erhalten?
A. Diederich: Interessierte können sich zur Beratung an an die jeweiligen Kreisverwaltungen wenden und auf deren Webseiten vieles nachlesen. Im Kreis Kaiserslautern-Land (www.kaiserslautern-kreis.de) bin ich für Sie da.

Interview (PDF)

Interview: David Kulessa

Wir sind Heimat 2.0 | Nachgefragt: Industriedenkmal

Porträt Dr. Clev © Martin Koch

Viele denken bei Denkmalschutz an Kirchen, Schlösser und Burgen. Doch auch ehemalige Industriestätten können unter Denkmalschutz stehen. Warum das so ist und was Industriedenkmäler ausmacht, erklärt Dr. Clev im Interview. Er ist Leitender Planer der Planungsgemeinschaft Westpfalz sowie Geschäftsführer der ZukunftsRegion Westpfalz, die als Verein für ein besseres Image innerhalb und außerhalb der Region sorgt.

Wieso stehen ehemalige Industriestätten unter Denkmalschutz?
Dr. Clev: Es gibt Industriestätten, die für eine Region, einen Wirtschaftszweig oder eine Epoche symbolischen Charakter haben. Das betrifft die Bauten ebenso wie die Industrieanlagen in oder neben den Hallen. Sie helfen, Zusammenhänge zu verstehen und sie sind ein Glied in einer Kette der industriellen Entwicklung – zwischen Manufaktur und digitaler Wirtschaft. Die Grenzen des Machbaren wurden dank neuer Techniken und Materialien immer weiter verschoben. Industriebauten dokumentieren somit eine Entwicklungsstufe in der Bautechnik. Sie sind aber auch ein Spiegelbild ihrer Epoche. Vieles, was wir heute aus fernen Ländern beziehen, wurde früher vor Ort hergestellt. Ihre Erhaltung in bestimmten Fällen also sinnvoll, zumal viele im Zweiten Weltkrieg zerstört wurden.
 
Worauf muss bei Industriedenkmälern baulich geachtet werden?
Dr. Clev: Industriedenkmäler sind selten singuläre Objekte. Es sind meist Ensembles, daher ist bei ihrem Schutz darauf zu achten, dass das Umfeld erhalten bleibt oder zumindest dokumentiert wird. Dies betrifft nicht nur Nebengebäude der Kernproduktionsstätten, sondern auch das „menschliche“ Drumherum: Herrenhäuser, Kapellen, Arbeiterwohnungen, Stallungen, aber auch Schlösser oder Parks, welche die Eigentümer für sich und ihre Arbeiter errichten ließen. Das war Ausdruck der Verantwortung der Industriellen für ihre Arbeitnehmer.

Wer ist die Familie Gienanth und was hat sie der Region hinterlassen?
Dr. Clev: Die Gienanths waren eine aus der Schweiz zugewanderte Familie, die mit ihrer Stahl- und Eisenproduktion half, eine im Dreißigjährigen Krieg geschundene Region wiederaufzubauen und auf den Weg der Industrialisierung zu bringen. Vieles, was wir bis heute kennen, geht auf das Wirken der Gienanths zurück. Die heutige Wirtschaftsstruktur ist in weiten Teilen ein Erbe des Wirkens der Industriellenfamilie.

Nachgefragt: Industriedenkmal (PDF)

Interview Lena Pröhl

Wir sind Heimat 2.0 | Zukunftsschmiede

Projektmanager Simon Geib © Lena Pröhl

Donnersbergkreis

Was tun, wenn der Mietvertrag für die externe Lehrwerkstatt gekündigt wird? Vor dieser Frage stand das Eisenberger Traditionsunternehmen Gienanth und baute kurzerhand die ehemaligen Arbeiterwohnungen aus dem 19. Jahrhundert zu einer modernen Akademie aus. 

„Die Zeit drängte. Was anfangs kaum einer für möglich hielt, ist uns gelungen – auch dank der guten Zusammenarbeit mit unserem Architekten Harald Lang aus dem nahe gelegenen Kaiserlautern“, erinnert sich Projektmanager Simon Geib. „2018 erhielten wir die Genehmigung für die Entkernung der in die Jahre gekommenen, ehemaligen Arbeiterwohnungen. Aus diesen und angrenzenden Gebäuden entstand in nur einem halben Jahr Sanierungs- und Bauzeit eine neue, schmucke Lehrwerkstatt, die `Gienanth Akademie´.“ Das Besondere: Die Gebäude stehen unter Denkmalschutz. „Daher musste besonders sensibel geplant und gebaut werden“, so Geib weiter.
 
Historisches erhalten, Zukunft gestalten
Die Außenfassaden inklusive aller Öffnungen nach außen wie Fenster, Tore und Türen blieben in ihrer ursprünglichen Anmutung erhalten. Im Inneren dagegen blieb wortwörtlich kein Stein auf dem anderen: Nichttragende Elemente sowie die Zwischendecken wurden entfernt, und ein Durchbruch zu den seitlich anschließenden Garagen gemacht. Der Lehmboden wurde ausgehoben und durch eine zehn Tonnen schwere Bodenplatte ersetzt. Die Decke wurde abgehängt, um die nötige Haustechnik unterzubringen. Entstanden ist eine 400 Quadratmeter große Werkstatt – vis-à-vis dem historischen Herrenhaus, dem Verwaltungssitz der Gießerei. Zwei der rückwärtig gelegenen früheren Arbeiterwohnungen, die bis in die 2000er Jahre genutzt worden waren, wurden in ihrem Grundriss erhalten und renoviert. Hier befinden sich auf 100 Quadratmetern Büros und Sozialräume. „Die Investition von mehr als einer Million Euro für Sanierung und Ausstattung hat sich absolut gelohnt. Unsere rund 40 Auszubildenden sind wieder zurück im Herz des ältesten, noch produzierenden Industriebetriebs in Rheinland-Pfalz“, so das positive Fazit von Geib. Doch nicht nur industriehistorisch, auch sozialpolitisch sei das Unternehmen von Bedeutung: „Die von Gienanths richteten 1857 die erste Betriebskrankenkasse ein – Jahrzehnte, bevor Reichskanzler Bismarck das Sozialversicherungssystem einführte.“

Zukunftsschmiede (PDF)

Text: Lena Pröhl

Wir sind Heimat 2.0 | Nachgefragt: Zweckbauten

Rolo Fütterer © Privat

Professor Rolo Fütterer aus Kaiserslautern ist Teil des mehrfach für seine Projekte ausgezeichneten Architekturbüros MARS-Group. Unter anderem war er an dem Neubau des Schwimmbadgebäudes in Otterberg entscheidend mitbeteiligt. Warum es sich lohnt, auch solche Zweckbauten zu baukulturell anspruchsvollen Projekten zu machen, erklärt er im Interview.

Schwimmbadgebäude, Umkleiden am Sportplatz, Spielplätze: Wieso ist auch für solche vermeintlichen Zweckbauten gute Architektur sinnvoll?
Rolo Fütterer: Ich sage immer, alles geht auch in schön. Wir machen nicht nur Bedarfsbefriedigung, sondern in der Architektur geht es immer auch um baukulturelle Leistungen. Und die müssen noch nicht einmal teurer sein, sondern können bei gleichbleibendem Budget schön und clever sein. Diese Leistungen sind es auch, woran eine Gesellschaft in der Baugeschichte gemessen wird, denn sie bleiben für viele Jahrhunderte. Wenn man nur ‚trash‘ baut, wird man der Gesellschaft später keinerlei baukulturelle Leistungen attestieren wollen.

Solche Bauten werden von vielen Menschen sehr stark genutzt. Worauf ist zu achten, damit es nicht in wenigen Jahren bereits wieder einen Neubau braucht?
Rolo Fütterer: Diese Gebäude werden natürlich abgenutzt, das ist völlig normal. Aber wichtig sind gewisse Basiskomponenten, gerade im landschaftlichen Bereich sollte die Gebäudesetzung extrem gut überlegt sein. Sparsamer Flächenverbrauch und im besten Fall Doppel- oder Mehrfachnutzungen sind sehr wichtig.
Diese Nachhaltigkeitskomponenten müssen schon bei der Planung beachtet werden. Hinterher sucht man sich dann die sinnvollsten Materialien zum Bauen, die das Gebäude gut in die Zukunft tragen. Welche das sind, variiert je nach Projekt.

Was macht regionale Baukultur aus Ihrer Sicht so wertvoll?
Rolo Fütterer: Planungsämter in den Städten sind oftmals stark aufgestellt, dort ist mehr Geld im Umlauf und es gibt gute administrative Strukturen. Es gibt Maßnahmen zur Qualitätssicherung, während Kommunen auf dem Land dazu die Ressourcen fehlen. Deswegen ist die Unterstützung für diese sehr wichtig. Gerade Rheinland-Pfalz ist geprägt von seiner ländlichen Umgebung. In dieser ist es sehr wichtig, an einem kohärenten Ortsbild und einer cleveren Integration in die Landschaft zu arbeiten.

Interview Rolo Fütterer

Text und Interview: David Kulessa

Wir sind Heimat 2.0 | Ein multifunktionaler Neubau

Schwimmbadgebäude © Torsten Zimmermann

Kaiserslautern Land

Weil die alte Infrastruktur marode war, brauchte das Naturfreibad in Otterberg ein neues Schwimmbadgebäude. Architekt Rolo Fütterer hat daraufhin ein Gebäude entworfen, das über Duschen und Umkleiden hinaus auch noch Platz für ein Bistro mit Balkon sowie eine Dachterrasse bietet.

In seiner Jugend war Martin Müller oft im Otterberger Naturfreibad: „Mit 14 Jahren war ich Gründungsmitglied der DLRG Otterberg.“ Eine der Aufgaben des Wasserrettungsvereins sei es damals gewesen, jährlich im Frühjahr die Winterschäden zu beseitigen und den angesammelten Schimmel zu entfernen. „Alles war marode“, erinnert sich der 58-jährige.
Als Martin Müller 2009 um die Wiederwahl zum Stadt- und Verbandsbürgermeister kämpfte, stand die Verbesserung des Schwimmbads weit oben auf der Liste seiner Wahlversprechen.
„Meine Vision war ein Sport- und Freizeitzentrum“, berichtet er. Die Umsetzung dieser Vision, zu der auch ein neuer Kunstrasenplatz nebenan gehörte, war auch deswegen möglich, weil nach seinem Amtsantritt die freiwillige Fusion mit der benachbarten Verbandsgemeinde Otterbach durchgeführt wurde. „Die wäre sowieso irgendwann gekommen“, sagt der ehemalige Bürgermeister. So wurden Ressourcen zur Finanzierung frei und auch das Land beteiligte sich an dem Projekt.
„Die Verbandsgemeinde Otterberg hatte entschieden, Geld für die Bevölkerung aber auch die Touristik zu investieren und dementsprechend ist das Schwimmbadgebäude auch konzipiert“, erzählt Architekt und Professor Rolo Fütterer aus Kaiserslautern, der den Neubau entworfen hat.
Das neue Schwimmbadgebäude hat mehrere Funktionen. Neben dem Nutzen für den dreimonatigen Schwimmbadbetrieb dient es auch dem angrenzenden Sportplatz als Umkleide und Dusche. „Zudem hat es einen Balkon mit Blick ins Tal hinein“, unterstreicht Rolo Fütterer die Multifunktionalität. Den Balkon nutzt ein ganzjährig betriebenes Bistro als Außenbereich. „Wir haben im Vergleich zur Wassereine sehr kleine Liegefläche“, beschreibt Martin Müller, was Schwimmern gut gefällt, gerade in Zeiten ohne Pandemie und bis zu 1.000 Tagesbesuchern aber ein Problem sein kann. „Wir wollten auf keinen Fall Liegefläche verlieren“, erklärt Rolo Fütterer, „deswegen haben wir auf dem Dach welche generiert.“ Auf der Dachterrasse können Gäste sonnenbaden. „Wie im Urlaub“, findet Martin Müller. Das spricht sich rum. „Wir haben regelmäßig Gäste aus Bad Dürkheim, Ludwigshafen, Kaiserslautern und Ingelheim. Sogar aus Mainz war dieses Jahr jemand da“, erzählen die Bademeister.

Ein multifunktionaler Neubau

Text: David Kulessa

Wir sind Heimat 2.0 | Nachgefragt: Architektur macht Gäste

Architekt Steffen Wurster © Steffen Wurster

Hotels sind längst nicht mehr reine Übernachtungsstätten und bloßes Sprungbrett zu Erlebnissen in der Umgebung. Immer öfter werden sie selbst zum Ziel. Dabei spielt gute Architektur eine zentrale Rolle: Die Gestaltung der Räume und innovative Konzepte verschmelzen zu einem einzigartigen Erlebnisangebot und sorgen so für einen Wettbewerbsvorteil, weiß Architekt Steffen Wurster.

Hotellerie und Gastronomie werben immer öfter mit guter, zeitgemäßer Architektur.
Wurster: In der Tat. Gute Architektur erfährt in der Gesellschaft einen immer höheren Stellenwert. Dies wird auch seitens der Gastronomen erkannt und genutzt. Wenn bei vergleichbaren Hotels Service, Ausstattung und Preis stimmen, dann fällt die Entscheidung aufgrund der Gestaltung.

Was zeichnet gute Hotelarchitektur aus?
Wurster: Grundsätzlich sind es die gleichen Faktoren, die generell gute Architektur auszeichnen: Das bestmögliche Gleichgewicht zwischen Funktion und Gestaltung. Das Besondere beim Hotel ist, dass es in der Regel weit weg von daheim einen temporären Ersatz für das Zuhause des Gastes bildet und daher auch einer sorgfältigen Gestal¬tung bedarf. Gute und zeitgemäße Hotelarchitektur besteht nicht zwingend aus dem großen, spektakulären Entwurf. Vielmehr besteht sie aus dem Verständnis für den Ort und die Verbindung dessen mit den geforderten Funktionen.

Welche Trends zeichnen sich im Hotelbau ab?
Wurster: Alles bekommt mehr Licht. Die Fenster werden größer, Ausblicke werden genutzt, die Wellnessberei¬che werden nicht mehr im Keller versteckt, sondern krönen jetzt mit Panoramasaunen die obersten Geschosse.

Wird verstärkt Wert auf regionales, qualitativ hochwertiges Bauen gelegt?
Wurster: Ja, es wird zum einen verstärkt nach regionalen Materialien wie Sandstein geschaut, um die Baukörper harmonisch in die Umgebung einzufügen. Zum anderen werden aber auch vermehrt regionale Unternehmer einbezogen. Das ist ein sehr erfreulicher Trend, nichtsdestotrotz liegt es aber auch an unserer Profession hier weiter aufzuklären und die Vorteile aufzuzeigen.

Interview Steffen Wurster (PDF)

Interview: Lena Pröhl

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